Der Windsorknoten

Claudia Mummert

Gisela Reimers lief zügig zwischen den Häusern hindurch, den Kopf eingezogen und durch einen Regenschirm geschützt. Der restliche Körper aber war dem vom Wind gepeitschten Regen ausgesetzt, sodass ihre Kleidung bis weit über ihre ausladende Hüfte durchnässt war. Sie konnte den Schatten hinter sich weder sehen, noch hören, der ihr geduckt und in gleichbleibendem Abstand schon seit einiger Zeit folgte. Ihre Nachtschicht bei der Post hatte um 5 Uhr geendet und sie war auf dem Heimweg. Zuhause würde sie ihrem Mann Frühstück machen, die Vesperdosen ihrer Kinder für die Schule richten und sich dann, wenn alle aus dem Haus waren, für ein paar Stunden hinlegen, wie sie es bereits seit ein paar Jahren tat, seit sie sich mit dem Eigenheim in der Jägerstraße überschuldet hatten.

Sie hatte nicht mehr all zu weit, nur noch zwei Straßenecken. Die ihr folgende Gestalt verringerte den Abstand. Jetzt könnte Gisela die Bedrohung sehen, wenn sie sich nur umdrehte. Aber das Gewitter lenkte sie zu sehr ab. Sonst war sie vorsichtiger, vor allem in solch unruhigen Nächten, wie dieser. Jeder Blitz und der darauf folgende Donner ließ sie zusammenfahren.

Als sie die Schritte endlich hinter sich vernahm, war es bereits zu spät. Sie wollte sich umdrehen, aber sie wurde bereits von hinten an den Haaren gepackt. Vor Schreck fiel ihr der Schirm zu Boden und drehte sich auf der Spitze wie ein Kreisel, bis er von ihren, sich verzweifelt wehrenden Fußtritten eingeknickt wurde. Sie versuchte sich zu befreien, doch der feste Griff in ihrem langen, schwarzen Haar, zog sie langsam, aber sicher rückwärts zu Boden. Sie spürte die ausreißenden Haarsträhnen, die sich schmerzhaft aus ihrer Kopfhaut lösten, bei jedem Versuch, sich drehen oder wenden zu wollen. Ihre Gedanken wirbelten wild durcheinander. Sie versuchte sich an den Selbstverteidigungskurs zu erinnern, den sie vor Jahren auf Anraten Ihres Mannes in der damals noch in Durlach ansässigen Polizeischule besucht hatte. Sie versuchte den Angreifer zu sehen, um einen Angriffspunkt finden zu können, aber der feste Zug nach unten hinderte sie daran, sodass sie lediglich kläglich versuchte ihr Haar festzuhalten. Mit einem dumpfen Schlag fiel sie auf den harten, kalten und nassen Steinboden. Den Schmerz der aufplatzenden Kopfhaut beim Aufprall bemerkte sie nicht. Endlich konnte sie ihren Angreifer sehen. Es war ein großer, dicklicher Mann mit Halbglatze und Brille, die auf einer knolligen, rotgeäderten Nase saß. Er trug einen dunklen Lodenmantel, der bis zum obersten Knopf geschlossen war und dessen Kragen zum Schutz vor dem Regen aufgestellt war. Sie kannte den Mann nicht, hatte ihn nie zuvor gesehen. Es konnte nur eine Verwechslung sein, oder ein böser Traum, aus dem sie doch hoffentlich gleich erwachen würde. Sie versuchte zu schreien, doch es wurde nur ein leises Ächzen, das in dem Rauschen des nahegelegenen Gullydeckels unterging. Sie versuchte sich aufzurichten, doch ihr Angreifer hatte sich auf sie gesetzt, packte sie bei den Handgelenken und stieß sie mit seinem ganzen Körpergewicht wieder zurück auf das Kopfsteinpflaster. Er blickte ihr direkt in die Augen und sie konnte den blanken Hass in seinem Gesicht sehen und ihr wurde klar, dass das hier keine Verwechslung war. Er wollte sie, warum auch immer. Er zog etwas aus seiner Manteltasche und da wurde ihr klar, dass es nur der seit Monaten gesuchte Frauenmörder aus der Region sein konnte. Sie hatte von ihm in dem Wochenblatt ?Boulevard Baden? gelesen, das jeden Sonntag in der Tür steckte. Er ermordete ausschließlich dunkelhaarige Frauen mittleren Alters, in dem er sie bei Nacht mitten in der Stadt auf offener Straße zu Boden riss und sie mit einer Krawatte erwürgte. Die Krawatte band er anschließend fein säuberlich zu einem Windsorknoten, was ihm den Namen Windsorkiller eingebracht hatte. Bisher gab es fünf Opfer im Karlsruher Raum, aber in Durlach hatte er bisher noch nicht zugeschlagen, was sie so leichtfertig bei der Wahl ihres Heimweges sein ließ. Es hätte sicherere Strecken von der Post zur Jägerstraße gegeben. Was hatten sie alles in der Boulevard Baden geschrieben. Ratschläge, wie man sich schützen konnte, Tipps für den sicheren Heimweg. Panisch wurde ihr klar, dass sie keine Chance gegen diesen Psychopathen haben würde. Sie dachte an ihre beiden Kinder und ihren Mann zuhause, die nichtsahnend in ihren Betten lagen und schliefen. Stille Tränen rannen über ihre Wangen bei den Gedanken an ihre Familie, die sie nie wieder sehen würde. Und schon schmiegte sich die Krawatte um ihren Hals, wie eine Schlange. Ein leises unheimliches Lachen ertönte, das einer Hexe aus einem Märchen glich. Gisela schloss die Augen und wartete auf den schrecklichen Moment, in dem die Schlinge zugezogen wird und die Luftröhre keinen Atemzug mehr in die Lungen vordringen ließ. Jetzt, jetzt wird er die Krawatte zuziehen.

 


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