Der Blutfänger

Claudia Mummert

Erstes Kapitel

Das gefrorene Gras knirschte unter ihren weichen, federnden Schritten. Charlotte blickte auf ihre Uhr, verlangsamte den Schritt und stemmte dabei die Hände in die Seite. Stoßweise bildete ihr Atem kleine Dampfwölkchen, die vor ihrem überhitzten Gesicht aufstiegen. Atemübungen waren wichtig beim Laufen. Sie atmete bewusst tief ein und aus, während ihr Blick an einem Baum haften blieb. Der Nebel hatte sich, mit Hilfe der Minusgrade, wie Puderzucker über die Baumspitzen gelegt. Jeder Ast, jedes vertrocknete, noch am Baum hängende Blatt und jede Spinnwebe war mit weiß schimmernden Eiskristallen überzogen, so dass es auch ohne Schnee traumhaft winterlich aussah. Die Sonne blitzte zwischen den Bäumen hervor und ließ die Eiskristalle aufleuchten. Die Natur machte sich weihnachtlich zurecht, mit dem Glitzern und Funkeln des Raureifes. Nur noch eine Woche, und es war so weit. Weihnachten, und sie musste arbeiten.

 ***

 In der Oststadt von Karlsruhe saß ein Mann am Küchentisch seiner Dachgeschosswohnung. Sein schütteres Haar hatte er auf zwei Millimeter gekürzt, um militärisch auszusehen. Eine Respektsperson wollte er sein, was er mit seinen lediglich neunundzwanzig Jahren durch diesen Haarschnitt und seine große, hagere Gestalt auch erreichte. Seine stechenden Augen verstärkten den Eindruck, was er immer wieder von neuem genoss. Die Menschen, mit denen er zu tun hatte behandelten ihn zuvorkommend, aber mit Distanz und Zurückhaltung, fast eingeschüchtert, was seinem introvertierten Lebensstil zugute kam. Er wischte mit der Hand die Krümel vom Tisch und ließ sie auf den Boden fallen. Angewidert blickte er ihnen nach. Der Fliesenboden hätte ein schönes Muster, wenn er gefegt und gewischt wäre. Doch überall überdeckten zertretene Essensreste, verwischte Kaffeeflecken und undefinierbare Krümel die kunstvoll verlegten Fliesen. Mit dem Fuß schob er ein paar der Krümel unter den Tisch, wie schon so oft. Hier türmte sich der Unrat. Leere Papiertüten reckten hungrig ihre offenen Enden den leeren, triefenden Kaffeesahnedöschen entgegen, die wiederum nach den Brosamen schnappten.

 

Hektisch blätterte er in einem kleinen zerfledderten Buch. Er beugte sich tief darüber und überflog die Zeilen. Sein Oberkörper wippte vor und zurück. Er musste etwas übersehen haben. Die vielen Eselsohren und Knicke in seiner Lektüre störten ihn nicht. Schweiß lief ihm von der Stirn über die Augenbrauen und tropfte auf die Seite, auf der er, mit dem Zeigefinger folgend, eine Zeile nach der anderen las. Er wollte sichergehen, diesmal nichts zu übersehen. Schnell wischte er den Tropfen mit dem Ärmel weg und fuhr sich mit dem Unterarm über die Stirn, um weitere Störungen in seinem Lesefluss zu verhindern. Sein Atem ging kurz und abgehackt. Das Wippen wurde schneller. Seine linke Hand ballte sich zur Faust und von einer unsichtbaren Kraft gezogen, hob er sie an seinen Mund und biss sich heftig in das Gelenk seines Daumens. Das Wippen war inzwischen zu einer Art Hüpfen geworden. Ein unartikulierter Laut drang aus seiner Kehle während er den Blick zur Decke richtete. Blut rann ihm an den Mundwinkeln und am Handgelenk herunter. Er sog die Luft zischend ein und versuchte den aufgestauten Schmerz zu unterdrücken. Er war stark, doch noch nicht stark genug. Vielleicht war das der Grund seiner Misserfolge. Stöhnend riss er die Hand aus dem Mund und vergrub sie in seinem Schoß. Tränen liefen über seine Wangen und vermischten sich an den Mundwinkeln mit Blut. An seiner fleckigen Jeans versuchte er durch Wischen und Tupfen seinen Daumen zu trocknen. Die auf dem Tisch verbliebene Hand hob er langsam an und ließ sie mit einem lauten Krachen auf das Buch niedersausen. Tränen bedeuteten Schwäche. Zorn auf ihn selbst begann den Schmerz zu überdecken. Zorn auf seine Schwäche und Unfähigkeit.

 

Mit einer kurzen Handbewegung fegte er das Buch vom Tisch. Er blickte ihm nach, wie es zwischen dem essensverkrusteten Elektroherd und der Einbauspüle, die bergeweise benutztes Geschirr beherbergte, liegen blieb. Es war ihm egal. Nur dieses Buch war Schuld. Hätte er es doch nie gelesen. Aber bereits nach den ersten Seiten hatte es sich in seinem Kopf eingenistet, ihn nicht wieder losgelassen und sein ganzes Leben verändert. Es gab kein Zurück mehr. Er musste zum Ende kommen, sein Ziel erreichen.

Sein Blick fiel durch das Fenster und schweifte über die Dächer der ehemaligen Kinderklinik, in der jetzt ein Teil der Karlsruher Universität untergebracht war. Weiter über die Glasdächer des Universitätseigenen Palmenhauses und über den angrenzenden Hardtwald. Sein Blick blieb sehnsuchtsvoll an der Turmspitze des Mausoleums haften, dem Ort seiner Begierde, und er begann wieder zu wippen.

 ***


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