Durlacher Weihnachtsgeschichte

Claudia Mummert

 

„Oma, ich kann nicht einschlafen“, rief die kleine Miriam zum vierten Mal aus ihrem Kinderzimmer. Gerlinde Schneider atmete tief ein, erhob sich schwer aus dem Sessel im Wohnzimmer und kam ihrer Pflicht als Babysitter nach. Sie liebte diese Abende, wenn ihre Tochter ausging und sie auf die kleine Miriam aufpassen durfte.

„Ach du, mein kleiner Engel. Mach’ einfach die Augen zu, dann schläfst du auch ein.“ Gerlinde strich ihrer Enkelin die dunklen, krausen Haare aus der Stirn.

„Oma?“

„Ja?“

„Es ist doch bald Weihnachten. Und da denke ich dann immer, dass das Christkind mich nicht findet.“

Gerlinde lächelte sanft. „Da brauchst du keine Angst haben. Wir schmücken unsere Häuser und Straßen nicht nur, dass es schön aussieht.“

Miriam machte große Augen. „Nein? Wofür denn noch?“ Sie setzte sich in ihrem Bett auf und war nun hell wach.

„Na, dafür, dass das Christkind auch den Weg zu den Kindern findet. Und das ist schon ganz lange so.“ Gerlinde drückte Miriam sanft zurück in die Kissen, deckte sie wieder zu und sagte: „Da du noch so wach bist erzähle ich dir noch die Geschichte, die mir meine Oma schon erzählt hat. Die Geschichte von der kleinen Anna, die auch solche Bedenken hatte wie du.“ Gerlinde setzte sich auf den Bettrand und begann zu erzählen: „Das ist schon ganz lange her ...

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 Es war besonders kalt an diesem Dezemberabend im Jahre 1567 und die ersten dicken Schneeflocken legten sich wie ein beruhigender Teppich über das kleine geschäftige Städtchen Durlach. Die kleine Anna saß ganz nah am Ofen in der kleinen Küche und sah fasziniert ihrer Mutter dabei zu, wie sie mit geschickten Händen aus langen Wollsträngen große Knäuel wickelte. In der hinteren Ecke stand eine große Holzkiste mit Trennstäben, in die die fertigen Knäuel, farblich sortiert, gestapelt wurden. Jeden Morgen wurde die Kiste abgeholt und durch eine neue, leere ersetzt. Anna half gerne bei der Arbeit. Die Wolle fühlte sich so schön weich an auf der Haut. Ganz anders als das kratzige Unterkleidchen, das sie anhatte. Wie musste es sich erst anfühlen ein Kleid aus dieser Wolle zu tragen? Und wie warm musste es in solch einem Wollgewand sein? Besonders schön fand sie es, wenn sie ihre kleinen Arme ausstrecken durfte, um den Strang zu halten, damit das Wickeln für ihre Mutter einfacher wurde.

Die Wolle bekam Annas Mutter, Frau Roscher, von der Färberei und gab sie gegen einen kleinen Lohn, gewickelt und sortiert, weiter an die Strickerinnen, die wiederum für einen geringen Lohn aus dieser Wolle Unter- und Überkleider, sowie edle Umhänge, Mäntel und Roben für die Herrschaften fertigten. „Mama?“ unterbrach Anna die Stille.

„Ja, mein Engel?“ antwortete Frau Roscher und sah ihrer Tochter in das vom Feuer gerötete Gesicht. Sie nannte sie selten Anna. Mit ihrem blonden Lockenkopf, den blauen, wachen Augen und ihrer ruhigen und hilfsbereiten Art war Engel einfach zutreffender als Anna.

„Trägt das Christkind auch so kratzige Kleider wie wir?“

Annas Mutter musste ein Husten unterdrücken.

„Wie kommst du denn auf solch eine Frage?“

Anna kratzte sich an der Schulter. „Wenn das Christkind doch so viele Geschenke verteilt, hat es doch bestimmt kein Geld mehr, um sich die teuere Wolle zu kaufen.“

Lächelnd reichte Frau Roscher den fertigen Wollknäuel an Anna weiter, die ihn in die Kiste legte. „Ich weiß nicht, Anna. Ich habe das Christkind noch nicht gesehen.“

„Kommt es dieses Jahr auch wieder zu uns?“ fragte Anna und bekam diesen unbeschreiblichen Glanz in die Augen, der bei allen Kindern ähnlich ausgeprägt ist, wenn sie an das bevorstehende Weihnachtsfest denken, und der mit dem Älterwerden immer mehr nachlässt.

„Wenn es den Weg zu unserem Haus findet, kommt es auch. Du warst doch brav, oder?“ Anna nickte heftig, strich sich die vor die Augen gefallene Haarsträhne zurück und zog ihre kleine Stirn kraus. Frau Roscher konnte sehen, wie es in dem kleinen Köpfchen arbeitete.

„Worüber machst du dir Gedanken, mein Engel?“ Anna blickte auf, setzte sich ganz gerade hin und streckte die Arme wieder aus. „Ach nichts, Mama. Komm, lass dir noch ein wenig von mir helfen.“ Frau Roscher fragte noch einmal nach, doch ihre Tochter schüttelte nur den Kopf und versuchte einen gleichgültigen Gesichtsausdruck zu machen. Wie erwachsen Anna manchmal schon wirkte, mit ihren gerade einmal acht Jahren. Das Ebenbild ihres Vaters, der vor drei Jahren beim Ausbau des Durlacher Jagdschlosses tödlich verunglückt war und sie beide dadurch auf sich allein gestellt waren.

Am nächsten Morgen musste Frau Roscher mehrfach nach Anna rufen, bevor sie endlich aus ihrem Zimmer kam. Sie war bereits fertig angezogen und strahlte ihre Mutter an. „Was hast du denn so lange gemacht?“ wollte Frau Roscher wissen. „Ich habe eine Überraschung für das Christkind vorbereitet. Es soll dieses Jahr auch etwas von mir bekommen.“ Mit skeptischem Blick musterte Frau Roscher ihre Tochter, die nun verlegen über ihre Nase strich und kleinlaut fragte: „Aber ich weiß nicht, wie ich ihm mein Geschenk geben soll.“

Annas Mutter lächelte und antwortete in Flüsterton: „Was ist es denn? Vielleicht kann ich dir helfen?“ Anna sprang freudig auf, rannte in ihr Zimmer und kam kurz darauf mit drei faustgroßen Wollknäueln zurück. Diese hielt sie ihrer überraschten Mutter hin. „Wo hast du die denn her?“

„Die habe ich aus den Resten zusammengeknotet und selbst gewickelt. Die will ich dem Christkind schenken. Dann kann es Strümpfe oder Handschuhe daraus machen. Ich weiß ja nicht, wie groß es ist. Vielleicht reicht es auch für einen Schal.“

Nun musste Frau Roscher doch lachen. „Ach Anna. Du bist wirklich ein Engel. Ich glaube solch ein schönes Geschenk hat das Christkind noch nie bekommen. Weißt du was? Ich habe da eine Idee.“

Anna folgte neugierig ihrer Mutter vor die Tür, wo sie die drei Wollknäuel, einen in rot, einen in weiß und einen grünen zusammen band und von außen an die Eingangstür, direkt über den Türklopfer hängte. Dann ging sie hinter das Haus und kam mit zwei großen Tannenzweigen zurück. Sie schüttelte den Schnee ab und steckte rechts und links von der Tür jeweils einen Ast fest in den Boden. Daneben stellte sie jeweils eine Kerze. Es sah richtig festlich aus. Anna schlang ihre Arme um den Hals ihrer Mutter und drückte sie stürmisch.

 

Es waren nur noch wenige Tage bis zum Weihnachtsfest, das bei den Roschers ein ganz normaler Tag war, außer dem abendlichen Kirchgang und einem Weihnachtskuchen. Ein Stollen. Auf den freute sich Anna ganz besonders. Beim Backen hatte sie ihrer Mutter helfen dürfen ihn mit Nüssen, Korinthen und richtiger Butter zu kneten. Und der stand nun fertig in einer Holzkiste in der Speisekammer, eingewickelt in Butterpapier, damit er schön saftig blieb und die Mäuse ihn nicht annagen konnten.

Frau Roscher saß in der Küche und beobachtete Anna, wie sie die beiden Kerzen vor dem Haus anzündete. Das tat sie jeden Abend, und bevor sie zu Bett ging löschte sie sie wieder, damit sie länger hielten. Anna kehrte mit traurigem Gesicht zurück. Auf die Frage, was sie bedrückt, antwortete sie: „Und wenn die beiden Kerzen nicht reichen? Die Straße ist doch so dunkel. Dann findet das Christkind sein Geschenk nicht, und uns dann vielleicht auch nicht.“ Sie kämpfte mit den Tränen. Frau Roscher legte die Wolle zur Seite, stand auf und nahm Anna in die Arme, um sie zu trösten. „Weißt du was Anna? Ich habe noch Kerzen als Vorrat. Wir stellen einfach noch mehr auf.“ Sie wollte ihre Tochter nicht so traurig sehen. Sie würde einfach ein paar Nächte durch arbeiten, dann käme das Geld für die Kerzen wieder herein.

Am Wegrand, etwa alle fünf Schritte, stellten sie eine Kerze auf und zündeten sie an. Zehn Kerzen stellten sie an den Wegrand. Mehr hatten sie nicht. Zufrieden mit ihrer Arbeit blickten sie die Reihe entlang, nickten sich fröhlich zu und kehrten zurück in ihre warme Küche.

Bevor Anna zu Bett ging trat sie vor die Tür, um die Kerzen zu löschen. „Mama!“ schrie Anna. „Komm schnell her.“ Frau Roscher sprang erschrocken auf und stürzte zur Tür. Was sie sah, ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. An der kleinen Reihe ihrer Kerzen hatten die Nachbarn den Lichterweg fortgesetzt. Überall traten noch Frauen und Kinder auf die Straße und entzündeten Kerzen, die sie an den Wegrand steckten. Hunderte Kerzen mussten das sein.

Frau Roscher holte die Mäntel und ging mit Anna hinaus und die Straße entlang an den Nachbarn vorbei, die ihnen zuriefen: „Es sieht so schön aus. Wir haben gedacht, wir verlängern euren Lichterweg.“

Anna und ihre Mutter waren sprachlos. Sie drehten sich um und sahen zurück. Es waren kleine Lichter, doch auch von weitem konnte man am Ende der Hauptstraße das kleine Häuschen der Roschers mit der geschmückten Eingangstür erkennen. Anna küsste ihre Mutter dankbar und versprach ganz fleißig mit der Wolle zu helfen. Sie winkte den Nachbarn zu und rief: „So eine schöne Straße hatten wir noch nie. So kann das Christkind unsere Straße auf keinen Fall übersehen.“ Noch eine ganze Weile blieben sie stehen, um die tanzenden Schatten des Kerzenscheins zu beobachten, der auf der hellen Schneedecke ein warmes Licht und ein Gefühl von Ruhe und Frieden hinterließ. Annas Augen glänzten vom Kerzenschimmer, die ihrer Mutter von zurück gehaltenen Tränen.

„Es ist nur schade, dass wir die Kerzen löschen müssen. Aber morgen zünden wir sie wieder an. Und unsere ganzen Nachbarn auch.“ Anna zog ihre Mutter lachend mit ins Haus.

Der Lichterweg sprach sich schnell in ganz Durlach herum. Und abends kamen die Menschen aus den umliegenden Straßen, nur um sich von dem Schein der Kerzen verzaubern zu lassen. Natürlich hatten die Menschen dort auch einen Nutzen davon, denn so konnten sie auch am Abend ihre Waren zum Kauf anbieten. Es wurde ein reges, aber beschauliches Treiben. Dem Markgrafen Karl II. wurde dies natürlich auch zugetragen und so begab er sich zwei Tage vor Weihnachten zu dem Lichterweg. Er folgte den Kerzen und kam vor das Haus der Roschers. Als die Nachbarn ihn erkannten ging ein Raunen durch die Straße. Mit vorgehaltener Hand flüsterten sie: „Da kommt der Karle mit de Dasch. Was er wohl hier will?“

Er klopfte an die Tür. Anna öffnete und sah den für sie Fremden freundlich an. „Guten Abend. Wir haben leider nichts zu verkaufen. Aber die Frau Schneider da drüben hat wunderschöne Decken, die machen ganz warm.“

Der Markgraf lachte und verbeugte sich vor Anna. „Ich möchte nichts kaufen. Ich möchte das Mädchen und ihre Mutter kennenlernen, das diese Straße so verzaubert und mit so viel Leben erfüllt hat.“ Anna wurde rot und zupfte verlegen an ihrem Kleid herum. Zu ihrer Erleichterung trat ihre Mutter hinter sie. Als sie den Markgrafen erkannte, machte sie einen tiefen Knicks und zog die erstaunte Anna mit nach unten.

„Liebe Frau. Erhebt euch. Ich muss mich vor euch verbeugen.“ Und er verbeugte sich noch einmal tief. „Darf ich eintreten?“ Frau Roscher strich ihr schmutziges Kleid glatt und wich einen Schritt zurück, um ihren Gast eintreten zu lassen. Sie folgte ihm in die Küche, wo Anna ihm einen Stuhl neben dem Ofen anbot. Er setzte sich und blickte sich um. Er sah die Wollkiste in der Ecke stehen und sah Frau Roscher fragend an. Anna bemerkte diesen Blick und erzählte ihm in ihrer kindlichen Art alles. Von dem Unfall ihres Vaters, dass ihre Mutter seither so viel arbeiten musste und dass sie ihr dabei half. Frau Roscher drehte verlegen den Zipfel ihrer Schürze. Es war ihr peinlich. Karl II. hörte Anna aufmerksam zu, nickte und zog die Stirn in Falten. „Anna, mein Engel. Es ist Zeit schlafen zu gehen, “ unterbrach Frau Roscher ihre redselige Tochter. Anna sah sie bittend an, doch der Blick ihrer Mutter reichte aus, um sie gehen zu lassen. Als Anna zu Bett gegangen war, führte der Markgraf ein langes Gespräch mit ihrer Mutter. Sie unterhielten sich über Anna und die Kerzen auf der Straße. Über Frau Roschers Arbeit und über den schmerzlichen Tod ihres Mannes. Als sich Karl II. endlich von Annas Mutter verabschiedete, nickte er ihr freundlich zu und sagte: „Sie beide sind wahre Engel. Das muss belohnt werden.“ Er verbeugte sich tief, lächelte sie an und trat hinaus auf die noch immer beleuchtete Straße. Ein Gefühl von Wärme breitete sich trotz des kalten Windes in ihm aus und er wusste, was er zu tun hatte.

 

Am Weihnachtsabend leuchteten die Kerzen heller, als an den Abenden zuvor. Die Menschen hatten ihre größten Kerzen auf die Straße gestellt und freuten sich an dem Anblick. Tannenzweige hingen an den Türen und bunte Kugeln aus Ton steckten auf langen Stäben neben den Einganstüren. Überall duftete es nach feinem Braten, Gemüse und Gebäck. Es war Zeit für die Kirche. Anna trat vor die Tür und blieb wie angewurzelt stehen. Frau Roscher, die ihr gefolgt war sah an dem ausgestreckten Arm ihrer Tochter entlang zu dem großen lilafarbenen Beutel aus Samt, der an der Eingangstür anstelle der drei kleinen Wollknäuel hing. „Schau’ hinein, Anna. Das ist bestimmt für dich.“ Anna nahm den Beutel ab, zog die rote Schleife auseinander und sah hinein. „Mama! Schau dir das an.“ Mit diesen Worten zog sie einen kleinen, für sie passenden Umhang heraus. Aus Wolle, in den Farben rot, weiß und grün. Frau Roscher lachte und sagte: „Zieh ihn an, mein Engel.“ Anna schwang sich den Umhang über die Schultern, band ihn zu und drehte sich im Kreis. Die Wolle fühlte sich noch viel schöner an, und war viel wärmer, als sie es sich immer ausgemalt hatte während dem Wollewickeln mit ihrer Mutter. „Da ist aber noch mehr drin“, sagte Anna und zog noch einen Umhang in denselben Farben heraus. Ein Umhang in der Größe ihrer Mutter. Nun war Frau Roscher doch sprachlos. „Zieh ihn an, mein Engel“, lachte Anna und hielt ihrer Mutter den Umhang, damit sie ihn sich über die Schultern legen konnte.

In ihre Umhänge gehüllt gingen sie beide zur Kirche. Vor dem großen hölzernen Portal stand Karl II. und begrüßte seine Bürger, wie es am Weihnachtsabend Sitte war. Als Anna und ihre Mutter an der Reihe waren sagte er lächelnd zu Anna: „Hat das Christkind euer Haus gefunden?“ Und Anna antwortete stolz: „Oh ja. Diese Umhänge hat es uns gebracht. Es hat sich wohl sehr über mein Geschenk gefreut.“ An Frau Roscher gewandt flüsterte er mit einem Augenzwinkern: „Das ist die richtige Kleidung für zwei Engel.“

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 Und deshalb, meine kleine Miriam, werden in den Straßen und Gassen seither jedes Jahr ganz viele Lichter aufgehängt, geschmückte Weihnachtsbäume aufgestellt und die Geschäfte dekoriert, damit das Christkind den richtigen Weg findet. Miriam lächelte schlaftrunken und schloss bereitwillig die Augen, als Gerlinde ihrer Enkelin einen letzten Gutenachtkuss für diesen Abend gab. „Schlaf gut, mein Engel“, sagte sie leise und löschte das Licht.


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