Für Sabine Marona, im Dezember 2007

von Claudia Mummert

 

Die Baumfrage

Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr es geschah. Auf alle Fälle geschah es am 23. Dezember. Das weiß ich so genau, weil mein Mann immer am 23. Dezember loszog, uns einen wunderschönen Weihnachtsbaum zu besorgen.

Was er in den Jahren so anschleppte, war zwar meist ein recht großer Baum, ob die allerdings tatsächlich alle zu der Gattung Nadelbäume gehört hatten, weiß ich bis heute nicht. Jedoch mit Massen von Kugeln und dem mir eigentlich so verhassten Lametta, konnte man sich diese Bäume aber so zuschmücken, dass es letztendlich doch den Anschein hatte, einen Tannenbaum im Zimmer stehen zu haben. Und da ich mir schließlich ein friedliches Fest wünsche versuchte ich schweigend und mit viel Dekomaterial das Beste daraus zu machen.

Aber an diesem besagten 23. war alles anders. Mein Mann verließ morgens gegen 10.00 Uhr das Haus und kam erst gegen Mitternacht zurück. Mit einem Baum, bei dem es mir das erste Mal in meinem Leben doch tatsächlich die Sprache verschlug. Dieser Baum, es war wirklich ein echter Tannenbaum. Er war dunkelgrün, er war kerzengerade, er roch nach Tanne und er hatte alle Äste, sogar ringsherum und bis zum Boden. Und das schönste, er war bestimmt 2 Meter hoch und war so schön, wie die Bäume auf den großen Plätzen, oder bei den Reichen in den Vorgärten. Stillschweigend holte mein Mann den Ständer aus dem Keller, setzte die Tanne hinein und ohne stundenlanges Nachrücken stand der Baum ganz gerade. Ich stand da mit offenem Mund und blickte meinen Mann ungläubig an. Und er sagte nur: „Na, das ist doch endlich mal ein Weihnachtsbaum. Und das am letzten Tag. Und das Beste. Er hat nichts gekostet. Aber frag’ mich bitte nicht, woher ich ihn habe.“ Das habe ich mir ebenso schon längst abgewöhnt. Ich ging auf den Speicher, meinen Christbaumschmuck zu holen und entschied mich für die einfachen silbernen Glaskugeln und die roten Schleifen. Dazwischen hängte ich noch ein paar rote Äpfelchen und hatte in nicht einmal einer halben Stunde den perfekten Baum in meinem Wohnzimmer stehen.

Es wurde unser schönstes Weihnachten. Allerdings blieb da ein sonderbarer Nachgeschmack.

Am 24. Dezember blätterte ich die Tageszeitung durch und erstarrte bei folgender Schlagzeile, die ich auch meinem Mann vorlas: Weihnachtsbaum auf dem Durlacher Markplatz von Unbekannten geköpft. Mein Mann sah mich nicht an, blickte nur still lächelnd auf unseren Baum, der da strahlend im Wohnzimmer stand.

Auch in den nächsten Ausgaben erschien immer wieder dieser Artikel...gefunden wurde der Täter nie.

Seit dem besorge ich unseren Weihnachtsbaum, und zwar meistens bereits Anfang Dezember.


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