Für Sabine Marona und 10 weitere Power-Frauen, im November 2007

von Claudia Mummert

 

12 Frauen

Es ist ein offenes Geheimnis. In Durlach gibt es eine Vereinigung, oder wie immer man das auch nennen mag, die bezeichnet sich selbst als „DinersClub“. Dieser Clab, das wird so ausgesprochen, wurde eigentlich alleine dadurch ins Leben gerufen, dass zwei Damen, damals noch junge, motivierte Powerfrauen, gerne gemeinsam essen gingen. Es dauerte nicht lange und bald darauf schlossen sich immer mehr hungrige junge Damen an, die ebenfalls Gefallen am guten Essen fanden. Die meisten davon waren verheiratet, manche hatten ein oder zwei  Kinder, und manch eine war sogar bereits geschieden. Bei der Zahl 12 war Schluss. Es durfte keine neue Dame mehr mitgehen, und wenn, dann nur noch als sogenannte Gastesserin, denn ein Clab hat schließlich seine Regeln, auch wenn sie nie aufgestellt wurden, oder es einfach nicht alle mitbekommen haben.

 

Es gab selbstverständlich auch einen Clabbeitrag, der monatlich fällig war. Dieses Geld kam auf ein Sparbuch, das wiederum von einer Kassenwärtin verwahrt wurde. Alles hat schließlich seine Ordnung.

 

Auf alle Fälle war es eine willkommene Abwechslung für diese Damenriege ihrem Alltag für einen Abend zu entrinnen und einfach nur ausgelassen ein gutes Essen, einige Gläser Wein oder Schnaps zu genießen und sich genüsslich über Frauenthemen zu unterhalten. Jeder, der schon einmal eine Gruppe Frauen unterwegs gesehen hat, kann sich vorstellen, welch ein Gekichere, bzw. Gelächter, Gefrotzel, Lästereien und manchmal auch Geflirte das gibt, wenn zwölf Frauen zusammen in einem Lokal auf einem Haufen anwesend sind. Da werden die restlichen Gäste entweder kostenlos wunderbar unterhalten, oder verlassen fluchtartig die Lokalität.

 

Eines Tages hatten diese zwölf Damen beschlossen von ihrem Sparbuch ein gemeinsames Vorweihnachts-Wochenende im Schwarzwald, in der Nähe des Schluchsees zu finanzieren. Man stelle sich vor: zwölf völlig grundverschiedene Frauen sollen drei Tage und zwei Nächte auf engstem Raum miteinander verbringen.

 

Sie mieteten flugs drei Ferienwohnungen in dem alten Zollhüsli in Blasiwald an, fuhren in Kolonne auf der A5 und dann über die B31, bis sie mit mehreren Navigationsgeräten, vielen Telefonaten und noch mehr Diskussionen endlich ihr Ziel erreichten. Welch ein Geschnatter und Gelächter, bis alle in den Wohnungen verteilt waren. Es war ja auch nicht ganz so einfach, denn das Haus hatte drei Stockwerke. Das Erdgeschoss blieb leer, im ersten Obergeschoss befanden sich zwei wunderschöne schnuckelige Wohnungen, und im Dachgeschoss befand sich die größte Wohnung, die sie sogleich zum gemeinsamen Treffpunkt aller und zum Essplatz auserkoren hatten.

 

Und schließlich war nicht allzu viel Zeit, da der Zeitplan eingehalten werden sollte. Es war ein gemütlicher Glühweinabend geplant, einmal Essen gehen, einen vorweihnachtlichen Abend wollten sie auch gestalten, an dem sie dann alle gemeinsam kochen wollten und den berühmt berüchtigten Krabbelsack ausspielen. Und selbstverständlich waren auch die ausgelassenen Frühstückszeremonien mit auf dem Programm. Lebensmittel hatten sie jedenfalls eingekauft, als würden sie mindestens eine Woche bleiben; von den mitgebrachten Kleidungsstücken und Kosmetika ganz zu schweigen, obwohl vorab jede versichert hatte, sie komme lediglich mit einer kleinen Tasche.

 

So gegen achtzehn Uhr hatten sich alle in der obersten Wohnung verabredet, wo sie sich auch tatsächlich zu genannter Zeit einfanden. Von den Vermietern wussten sie, dass für dieses Wochenende sonst keine anderen Gäste im Hause sein würden, sie also ganz ungestört und alleine wären. Plötzlich klopfte es unten laut an der Haustür. Die Damen sahen sich erstaunt an. Eine sagte: „Das ist bestimmt der versprochene Förster.“ Und alle lachten. Es klopfte erneut, diesmal heftiger. „Ich denke, wir sollten nachsehen, vielleicht ist ja die Klingel kaputt und irgendwas ist mit unseren Autos.“ Zwei Damen begaben sich über die Holztreppen nach unten und öffneten lachend die Haustür. Ein alter, bärtiger Mann stand vor ihnen. Mit tiefer, rauchiger Stimme sagte er: „Basst’s uff Eich uff, hiet Nacht. Er isch widder do.“

Die Frauen lächelten dem alten Mann zu und fragten: „Wer ist wieder da?“

„Ich sag’s nur noch oimal. Basst’s uff. Er isch widder do un kimmt gwiss hiet Nocht.“ Zur Betonung seiner Worte hatte er seinen langen, knöchrigen Zeigefinger vor den Nasen der Beiden hin und her geschwenkt. Und noch bevor die zwei Frauen etwas erwidern konnten, hatte sich der Alte umgedreht und stapfte davon. Die beiden sahen sich an, zuckten mit den Schultern und gingen wieder nach oben.

 

„Und? Wo ist der fesche Förster?“ fragten die anderen lachend. Die Beiden erzählten etwas verstört, was ihnen der alte Mann gesagt hatte. Keine verstand so recht den Sinn. „Ach, wir lassen uns doch von so einem Verrückten nicht die Laune vermiesen. Los Mädels, lasst uns feiern.“ Und über die Gläser Sekt und Wein vergaßen sie die Worte des alten Mannes.

 

Es war so gegen 23.30 Uhr als sich wieder alle in der Dachwohnung eingefunden hatten, um sich dem mitgebrachten Rotwein und den verschiedenen Schnäpsen hinzugeben. Die ersten Punkte ihres Tagesplanes waren abgehakt und sehr positiv verlaufen.

 

Wie das eben so ist, kam eine von den Damen auf den Alten zu sprechen. Sie begannen sich auszumalen, was er gemeint haben könnte. Welch verrückter Mörder wohl wieder in der Gegend sei, welch alter nicht ruhender Geist vom Zollhüsli sich wohl die Damen holen will.

Da klopfte es plötzlich wieder an der unteren Haustür. Zwölf Frauen zuckten gleichzeitig zusammen. Sie sahen sich verunsichert an. Sollten sie nun lachen, oder ängstlich sein? Sie saßen einfach nur still und abwartend da. „Sollten wir nicht...“ begann eine, doch die anderen zischten ihr entgegen, still zu sein. Es klopfte wieder. Die zwei Frauen vom Abend stupsten sich gegenseitig an und waren sich einig, wieder hinunter zu gehen, um nachzusehen. Als sie die Tür öffneten, war niemand zu sehen. Sie traten hinaus in die kalte Nachtluft und sahen sich um, aber es war nirgends jemand zu entdecken. Es hatte geschneit und zwei frische Fußspuren endeten direkt an der Haustür, führten aber nicht wieder weg. Ein Schauer lief den Beiden über den Rücken. Schnell einig kehrten sie im Laufschritt zu den anderen zurück, nicht ohne sich zweimal zu vergewissern, dass die Haustüre auch gut verschlossen sei. Oben außer Puste angekommen erzählten sie den übrigen, dass niemand da war, aber diese sonderbaren Fußspuren fest in den Neuschnee gedrückt waren. „Vielleicht hatte es dem Klopfenden zu lange gedauert und er ist vor Wut in die Luft gegangen“, witzelten sie. Sie lachten, aber ein Gutes Gefühl hatte keine. Um auf andere Gedanken zu kommen, und zum Thema passend, erzählten sie sich Gruselgeschichten. Jede gruseliger als die andere. Manche komisch, manche tatsächlich spannend und unheimlich. Plötzlich klopfte es erneut. Zwar erschrocken, aber eher genervt, als ängstlich sagte eine: „Irgend jemand macht sich einen Spaß daraus, uns von ganz oben nach unten zu jagen, um dann nicht da zu sein. Blöder Scherz.“ Der Alkohol hatte sich bereits in den meisten Köpfen niedergelassen, so dass eh keine mehr Lust hatte die vielen Stufen hinunter zu gehen. Und so beschlossen sie, das Klopfen diesmal einfach zu ignorieren. Doch es klopfte wieder. Diesmal noch heftiger, als die anderen Male zuvor. Es hörte sich an, als schlage jemand mit einem harten Gegenstand gegen die Holztür. Es wurde ihnen jetzt doch ein bisschen mulmig. „Also ich rufe jetzt gleich die Polizei, wenn das nicht gleich aufhört,“ sagte eine und zog ihr Handy aus der Tasche. „Oh, so ein Scheiß,“ zischte sie. „Ich habe gar keinen Empfang. Habt Ihr welchen?“ Die anderen Frauen zogen ebenfalls ihre Handys hervor und schüttelten resigniert die Köpfe. Das hatten sie vorher gar nicht bemerkt. Sie lauschten nach unten. Sie hörten ein Husten. Es war eindeutig ein Männerhusten. Und auf einmal klapperte und schepperte es an der Haustür und ... sie wurde eindeutig geöffnet. Den Frauen stockte der Atem. Es hatte geheißen, niemand sonst sei in dem Haus. Wer soll hier also hereinkommen?

 

Schlurfende Schritte näherten sich der alten Holztreppe. „Was sollen wir denn jetzt tun?“ flüsterten sie sich gegenseitig zu. „Nichts, unsere Wohnungstür ist doch zu“, versuchte eine zu beruhigen. Die alte Treppe ächzte unter jedem Schritt. Langsam aber stetig kamen die schweren Schritte näher. Die Frauen rückten immer enger zusammen und ließen die Wohnungstür nicht aus den Augen. Da verharrten die Schritte im unteren Stockwerk. Die Frauen atmeten erleichtert auf und lächelten sich gegenseitig aufmunternd zu. Da begann das Klopfen erneut. Diesmal aber an der Wohnungstür unter ihnen. Es war die Tür der Wohnung, die sie ebenfalls angemietet hatten. Die vier Frauen, die diese Wohnung bezogen hatten, stießen gleichzeitig einen hellen Schrei aus. Doch das war wohl ein Fehler. Ein lautes Scheppern ertönte im Treppenhaus. Der Eindringling musste beim ruckartigen Umdrehen irgendetwas umgestoßen haben. Man konnte seine Schritte jetzt auf der letzten Treppe hören, die hinauf zu dieser Wohnung führte. Laut stampfend kam er langsam nach oben.

 

Inzwischen saß auch die Mutigste unter den zwölf Frauen ängstlich in der Ecke des Sofas und hatte die Beine angezogen und ihre Arme darum geschlungen. Die ängstlichen Blicke, die die Frauen still schweigend austauschten, sagten alles. Was sollten sie nur tun? Am Ende der Treppe gab es nur diese eine Wohnungstür, das wussten sie alle. Sie ließen die Tür nicht aus den Augen. Plötzlich war es ganz still. Kein Mucks war zu hören. Sie atmeten ganz flach, die Augen geweitet und zitternd vor Anspannung. Da! Ein leises Knarzen an der Wohnungstür. Und ... da...die Frauen zeigten kreidebleich fast gleichzeitig auf die Tür. Die Klinke bewegte sich. Sie bewegte sich ganz langsam nach unten. Gleich würde sie ganz unten sein, und den Riegel, der die Tür noch hielt, freigeben. Gleich...gleich würde sie offen sein. Gänsehaut kroch den Frauen eiskalt über den Nacken. Sie hielten sich die Hände vor den Mund, um nicht zu schreien.

 

Die Tür wurde mit einem lauten Schlag aufgestoßen ... und ... welch Graus...herein kam der Vermieter als Nikolaus.


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